Fono Forum
April 2010
Frank Siebert

Altmeister

Der Bildschirm gibt den Blick frei auf ein kleines Podium, das gerade genug Platz für den Yamaha-Flügel bietet. Unmittelbar dahinter sorgt ein schlichter Stoffvorhang in lichtem Hellbraun für den dezenten Kontrast zum dominanten Schwarz des Flügels. Von rechts tritt ein älterer Herr um die 70 im dunklen Anzug mit leicht schief sitzender Fliege auf, geht von hinten um den Flügel herum, verbeugt sich freundlich lächelnd unmittelbar neben der Tastatur. Das ihn beklatschende Audito¬rium ist, gemessen an der geringen Intensität des Beifalls, eher klein, was der Kameraschwenk in einen Ausschnitt des Zuschauerraums bestätigt. Vielleicht mögen es 50 Zuhörer sein, eher weniger.

Nun setzt sich der Herr an den Flügel, öffnet sein Jackett, konzentriert sich kurz und legt die Hände mit einer ruhigen, souverän-eleganten Geste auf die Tastatur.

Was in diesen Momenten wie ein eher bescheidener, aber professionell gemachter Mitschnitt eines privaten Konzertes wirkt, in dem der Hausherr sein pianistisches Können vor den Freunden der Familie zum Besten geben möchte, erhält mit dem Erklingen des ersten Klaviertons schlagartig eine neue Dimension: Völlig unverkrampft, natürlich fließend und berührend schlicht erklingt das erste Thema aus Beethovens Sonate op. 101, deren Bezeichnung „Etwas lebhaft und mit der in¬nigsten Empfindung" in all ihren Facetten zu erfühlter und erfüllter Musik verwandelt wird. Am Klavier sitzt ein absoluter Könner, ein wahrer Altmeister: Jerome Rose.

Der 1938 geborene Amerikaner bietet auf diesen vier DVDs, bei Yamaha in New York aufgenommen, großartige Zeugnisse seines Könnens. Obwohl er hierzulande einem größeren Publikum weniger bekannt sein dürfte, zählt Jerome Rose zu den Klavierlegenden unserer Zeit. Rose, der bei Adolph Baller studierte und mit Leonard Shure und Rudolf Serkin arbeitete, fasziniert durch die enorme Konzentration seines Spiels. Seine Körperhaltung und der Gesichtsausdruck sind stets entspannt, wildes Grimassieren oder eine outrierte Gestik der Arme sind Rose völlig fremd. Die Ruhe des Spiels vermittelt eine dichte Einheit zwischen Interpret und Musik. Entsprechend beeindruckend gelingen ihm die drei letzten Beethoven-Sonaten, mit gemeißelter Größe und emotionaler Intensität vorgetragen. Souverän baut er die gewaltige Architektur von Beethovens op. 111, wobei auch hier technisch die Selbstständigkeit von rechter und linker Hand zu bewundern ist. Nicht minder überzeugend sind Roses Aufführungen des romantischen Repertoires, seiner ureigenen Domäne. Schumanns C-Dur-Fantasie vermag Rose mit einem gewaltigen sinfonischen Bogen zu entfalten. Klar umrissen, geprägt von rhythmischer Brillanz trägt er die Balladen von Chopin vor, manchmal etwas kühl wirkend, dafür aber ohne falsche Rubato-Seligkeit. Mit relativ zügigen Tempi meistert er die technischen Klippen von Liszts h-Moll-Sonate und gibt das zerklüftete, zwischen Dämonie und lyrischer Emphase changierende Werk wie aus einem Atem geschaffen wieder. Bei all diesen Aufnahmen bleibt die dezent mit Überblendungen arbeitende Kamera immer auf das Spiel konzentriert.

Diese DVD-Edition, die mit weiteren Live-Auftritten fortgesetzt werden soll, konserviert wichtige Dokumente des Spätstils eines herausragenden Pianisten.


Back to the Previous Page


Copyright 2010 Jerome Rose. All rights reserved. All content is copyrighted by the web site owner.